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Mit der 62 bis zum Strand

Jana, 31 · Hamburg

Um 14:12 Uhr kam die Nachricht von Svenja, und um 14:13 Uhr hatte Jana einen freien Abend, mit dem sie nichts anzufangen wusste. „Sorry, Süße, die Kita hat angerufen, der Kleine hat Fieber. Holen wir nach!“ Dahinter drei traurige Gesichter. Die Karten für das Konzert in der Fabrik würden verfallen. Jana stand in der Umkleide der Station, halb aus dem blauen Kasack geschlüpft, nach einem Frühdienst, der um sechs begonnen und sie seitdem keine Minute hatte sitzen lassen, und merkte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie nicht enttäuscht war. Sie war wach. Wacher als seit Wochen.

Die nächsten zwei Tage hatte sie frei. Das kam im Dienstplan der Kardiologie ungefähr so häufig vor wie eine ruhige Nachtschicht. Sie setzte sich auf die Bank vor den Spinden, die Haare noch im Zopf, und öffnete die App, die sie seit Monaten nur noch aus Gewohnheit durchwischte. Diesmal nicht aus Gewohnheit. Diesmal mit Absicht.

Ganz oben in ihr Profil, dort, wo man es als Erstes sah, schrieb sie einen neuen Satz: „Heute Abend frei. Keine Lust, bis Weihnachten zu chatten. Wer traut sich?“ Dann schloss sie ihr Rad vor dem Haupteingang auf und fuhr nach Hause.

Die erste Antwort kam, bevor sie die Wohnung in der Osterstraße erreicht hatte. Sie war langweilig. Die zweite war plump und wurde gelöscht. Die dritte kam um 15:40 Uhr, als Jana gerade mit nassen Haaren aus der Dusche trat, und sie las sie zweimal.

„Ich trau mich. Aber nur, wenn du dich aufs Wasser traust. Landungsbrücken, 19 Uhr, Brücke 3. Ich bringe nichts mit außer einer warmen Jacke für dich, falls du keine hast. Hauke.“

Auf seinen Fotos stand ein Mann mit rotblondem Bart und hochgekrempelten Ärmeln in einer Großküche, auf einem anderen saß er barfuß auf einem Steg. Koch in einem Restaurant in Altona, stand da, montags frei. Es war Montag. Jana schrieb zurück: „Ich habe eine Jacke. Und ich bin pünktlich.“ Dann schob sie das Telefon verkehrt herum unter den Schal auf der Kommode, weil ihr Herz so schnell schlug, als käme sie gerade aus einem Notfall.

Die Landungsbrücken waren um kurz vor sieben voller Touristen, die ihre Fischbrötchen fotografierten, und voller Möwen, die darauf warteten, dass die Touristen einen Moment nicht aufpassten. Jana trug Jeans, ihre dunkelgrüne Regenjacke und darunter ein schwarzes Top, das sie seit dem letzten Sommer nicht mehr angehabt hatte. Sie hatte keinen Plan für den Abend. Das war der Plan.

Hauke lehnte am Geländer vor dem Anleger, eine Papiertüte in der Hand. Er war größer als auf den Fotos und hatte eine kleine Brandnarbe am Daumen, die ihr sofort auffiel, weil ihr solche Dinge immer auffielen. „Du bist tatsächlich gekommen“, sagte er.

„Hast du mit was anderem gerechnet?“

„Ehrlich? Fifty-fifty.“ Er hielt die Tüte hoch. „Franzbrötchen. Von heute früh, aber aus meiner eigenen Küche. Das ist mein Bestechungsversuch.“

Die 62 kam schaukelnd an den Ponton, die Gangway polterte, und sie stiegen die steile Treppe hinauf aufs offene Oberdeck, wo der Wind Jana sofort den Zopf ins Gesicht schlug. Hauke stellte sich so hin, dass er ihr ein wenig Windschatten gab, ohne dass es wie eine Geste aussah. Sie bemerkte es trotzdem.

Die Elbe lag breit und bleigrau da, drüben ragten die Kräne der Werften in den Abendhimmel, und ein Containerschiff, so lang wie eine ganze Straße, schob sich stromaufwärts. Sie legten am Fischmarkt an, dann am Dockland, wo Leute mit Bierflaschen auf der Freitreppe des gläsernen Bürobaus saßen und der Sonne hinterherschauten.

„Warum ausgerechnet eine Fähre?“, fragte Jana.

„Weil man auf einem Schiff nicht weglaufen kann. Wenn's mies läuft, steigst du in Neumühlen aus, und ich schäme mich allein bis Finkenwerder.“ Er brach ein Franzbrötchen in zwei Hälften und reichte ihr die größere. „Und weil ich den ganzen Tag in einer Küche ohne Fenster stehe. Wenn ich frei habe, brauche ich Horizont.“

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Sie verstand das so gut, dass ihr kurz die Worte fehlten. Stationsflur, Neonlicht, Monitore, piepende Perfusoren – manchmal hatte sie am Ende einer Schicht das Gefühl, seit Tagen keinen Himmel gesehen zu haben. Sie erzählte ihm davon, nicht von den schweren Nächten, sondern von den komischen: von dem Patienten, der ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, weil sie ihm um drei Uhr morgens Wackelpudding brachte, und von der Oberärztin, die im Dienstzimmer heimlich Schlager hörte. Hauke lachte laut, mit dem ganzen Oberkörper, und ein älteres Ehepaar auf der Bank nebenan drehte sich nach ihnen um.

In Finkenwerder gingen sie einmal über den Anleger, weil es sich so gehörte, und nahmen dieselbe Fähre zurück. Irgendwo zwischen Bubendey-Ufer und Neumühlen lehnte Jana sich an ihn. Nicht aus Versehen. Er legte den Arm um sie, und sie spürte seine Wärme durch zwei Jacken hindurch.

In Neumühlen stiegen sie aus. Die Sonne hing tief über den Containerbrücken auf der anderen Elbseite und färbte das Wasser kupfern. Sie liefen am Museumshafen vorbei, an den alten Ewern und dem Feuerschiff, dann den schmalen Weg an den Kapitänshäusern entlang, deren Vorgärten voller Rosen und rostiger Anker waren.

Am Strand von Övelgönne zogen sie die Schuhe aus. Der Sand war oben noch warm und weiter unten am Wasser kühl und fest. Vor der Strandperle drängten sich die Leute mit Flaschen und Decken, aber ein paar hundert Meter weiter wurde es ruhiger, nur ein paar Hunde und ein Junge, der Steine flach über das Wasser springen ließ. Sie setzten sich auf einen angeschwemmten Baumstamm.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Hauke. „Warum heute? Dein Profil ist seit Monaten da. Ich hab's gesehen. Und nie was geschrieben.“

„Weil ich heute Lust hatte“, sagte Jana. „Nicht nächste Woche, nicht wenn es passt. Heute.“ Sie sah ihn an. „Und weil ich es satthabe, mir mein Leben immer erst zu erlauben, wenn der Dienstplan es zulässt.“

Ein Containerschiff zog vorbei, riesig und fast lautlos, und ein paar Sekunden später rollte seine Bugwelle heran. Sie sahen sie kommen und blieben trotzdem sitzen. Das Wasser schwappte über ihre Füße, bis zu den Knöcheln, eiskalt, und Jana schrie auf und lachte, und Hauke lachte auch, und dann küsste sie ihn. Sie hatte es sich vorgenommen, seit er ihr auf der Fähre den Windschatten gegeben hatte. Er schmeckte nach Zucker und Zimt, und seine Hand an ihrer Wange war warm, trotz des Windes.

Der Himmel hinter den Kränen wurde orange, dann rosa, dann ein dunkles, weiches Blau. Irgendwann sagte Jana, ohne ihn anzusehen: „Wohnst du weit weg?“

„Ottensen. Zwanzig Minuten, wenn man die Treppen schafft.“

„Ich schaffe die Treppen.“

Sie schafften sie, die steilen Stufen hinauf zur Elbchaussee, mit den Schuhen in der Hand und Sand zwischen den Zehen. Oben blieb Hauke stehen, außer Atem, und sie küsste ihn noch einmal, gegen eine Mauer gelehnt, unter einer Straßenlaterne, die flackerte. Seine Wohnung lag im dritten Stock eines Altbaus nahe dem Spritzenplatz. Im Flur stolperte Jana über ein Paar Sicherheitsschuhe. Dann machte jemand das Licht aus, und für den Rest der Nacht gab es nur noch das Geräusch der Stadt, die unter dem offenen Fenster langsam einschlief.

Sie wachte um sechs auf, aus reiner Gewohnheit, und blieb liegen. Das Fenster stand noch offen, draußen gurrten Tauben auf der Regenrinne, und irgendwo rumpelte ein Lieferwagen über das Kopfsteinpflaster. Hauke schlief auf dem Bauch, einen Arm über ihrer Taille, und sie betrachtete die Narbe an seinem Daumen, jetzt ganz aus der Nähe.

Als er aufwachte, machte er Rührei mit Schnittlauch vom Fensterbrett, und sie saßen im Schneidersitz auf dem Bett und aßen direkt aus der Pfanne. Keiner fragte, was das jetzt war. Jana hatte keine Lust, es zu benennen.

Kurz vor neun stieg sie am Bahnhof Altona in den Bus nach Eimsbüttel, in der Jacke vom Vorabend, mit Sand in den Schuhen und dem Geruch von Elbe in den Haaren. Unterwegs schrieb sie Svenja: „Gute Besserung an den Kleinen. Und danke, dass du abgesagt hast.“ Drei Fragezeichen kamen zurück, sofort. Jana steckte das Handy weg und schaute aus dem Fenster. Sie hatte noch einen ganzen freien Tag vor sich. Das Profil ließ sie, wie es war.

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