Die Checkliste meiner Mitbewohnerin
Sophie, 24 · München
Die Checkliste hängt mit einem Magneten in Form einer Brezel am Kühlschrank. Clara hat sie gestern Abend geschrieben, mit grünem Textmarker, während ich auf dem Küchenboden saß und so tat, als würde ich an meiner Hausarbeit über Stadtsoziologie arbeiten. Elf Punkte. Punkt eins: Standort teilen. Punkt vier: Nicht über den Ex reden (du hast keinen Ex, also leicht). Punkt sieben: Wenn er „Ich bin eigentlich eher introvertiert“ sagt, heißt das, er hat keine Fragen an dich vorbereitet. Punkt elf, doppelt unterstrichen: Codewort „Ananas“ – dann rufe ich an und sage, die Wohnung brennt.
„Die Wohnung wird nicht brennen“, sage ich jetzt zu Clara, die im Türrahmen lehnt und Müsli aus der Packung isst.
„Das weiß er ja nicht.“
Ich bin vierundzwanzig, ich schreibe gerade meine Masterarbeit an der LMU, ich habe ein halbes Jahr in Lyon gelebt und einmal allein Georgien bereist. Aber ich habe noch nie jemanden getroffen, den ich aus einer App kenne. Nicht aus Prinzip. Es hat sich einfach nie ergeben, und irgendwann war es peinlich, dass es sich nie ergeben hatte, und dann war ich zu stolz, es zuzugeben. Bis vor drei Wochen Emre in meinem Posteingang stand.
Er hatte nur eine Frage gestellt: „Ist das auf deinem dritten Foto ein Buch von Kracauer, oder bilde ich mir das ein?“ Es war Kracauer. Niemand erkennt Kracauer. Wir haben seitdem jeden Abend geschrieben, über Bücher, über Wellen, über die Frage, ob man Weißwürste nach zwölf Uhr noch essen darf. Er ist achtundzwanzig, unterrichtet Mathe und Sport an einer Realschule in Giesing und surft seit zehn Jahren am Eisbach. Ich habe ihn gefragt, ob er mir das mal zeigt. Er hat Ja gesagt, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Mit dem Rad fahre ich die Ludwigstraße hinunter, am Siegestor vorbei, dann durch den Hofgarten, obwohl man da eigentlich schieben müsste. Mein Handy vibriert in der Tasche. Clara: „Standort???“ Ich teile ihn. Punkt eins ist erledigt.
An der Prinzregentenstraße, neben dem Haus der Kunst, stehen die Leute wie immer am Geländer, zwei, drei Reihen tief. Unten schießt das grüne Wasser aus dem Tunnel und bricht sich zu einer stehenden Welle, und am Rand warten die Surfer in ihren Neoprenanzügen, bis sie dran sind. Einer nach dem anderen springt hinein, steht auf, schneidet hin und her, fällt, wird vom Wasser weggerissen und klettert weiter unten wieder heraus.
Ich erkenne Emre an seinen Locken, die nass fast schwarz aussehen. Er ist gerade dran. Er steht ungefähr vierzig Sekunden auf der Welle, was mir wie eine Ewigkeit vorkommt, und als er fällt, taucht er lachend wieder auf. Dann sieht er zum Geländer hoch, sucht die Gesichter ab, und findet meins. Er hebt die Hand. Ich hebe meine. Mein Magen macht irgendetwas, das nicht in Claras Liste steht.
Zehn Minuten später kommt er die Treppe herauf, in Jeans und einem ausgewaschenen T-Shirt, das Brett unter dem Arm, die Haare tropfend. „Du hast mich fallen sehen“, sagt er statt einer Begrüßung. „Das war ein schlechter erster Eindruck.“
„Du bist vierzig Sekunden gestanden. Ich hätte keine zwei geschafft.“
„Doch. Beim dritten Mal schon.“ Er grinst. „Das sagen alle, und dann schaffen sie es beim dritten Mal.“
Er riecht nach Flusswasser und Sonnencreme. Ich habe mir tausend Sätze überlegt und sage keinen davon. Stattdessen sage ich: „Ich habe noch nie jemanden aus einer App getroffen. Du bist der Erste.“ Das steht definitiv nicht auf der Liste. Wahrscheinlich steht das Gegenteil darauf.
Emre sieht mich an, überrascht, dann sehr freundlich. „Okay. Dann gebe ich mir besondere Mühe.“ Er stellt das Brett ab. „Und du sagst mir, wenn es zu viel wird. Versprochen?“
„Versprochen.“
Wir schieben unsere Räder nebeneinander in den Englischen Garten hinein, am Schwabinger Bach entlang, wo Leute auf Decken liegen und Frisbee spielen und ein Mann mit Bauchladen Eis verkauft. Emre erzählt von seinen Schülern: von dem Jungen, der die binomischen Formeln als Rap auswendig gelernt hat, und von der Klasse, die ihm zum Geburtstag ein Surfbrett aus Pappe gebastelt hat. Ich erzähle von meiner Masterarbeit, von Gentrifizierung im Westend, und er stellt Fragen, echte, keine höflichen. Punkt sieben ist widerlegt.
Den Hügel zum Monopteros laufen wir hinauf, die Räder lassen wir unten stehen. Oben sitzt man auf den Stufen des kleinen Tempels, und vor einem liegt die ganze Stadt: die Türme der Frauenkirche, die Theatinerkirche mit ihrer gelben Fassade, der Olympiaturm weit im Nordwesten. Jemand spielt Gitarre, ziemlich gut. Die Sonne steht schon tiefer, und die Wiesen unten werden golden.
„Darf ich dir ein Geheimnis verraten?“, fragt Emre.
„Kommt drauf an.“
„Meine Schwester hat mir eine Liste geschrieben. Für heute.“
Ich lache so laut, dass sich das Paar neben uns umdreht. „Was steht drauf?“
„Nicht zu viel über das Surfen reden. Nicht mit dem Handy spielen. Fragen, ob sie Hunger hat. Und …“ Er zögert. „Nicht zu früh versuchen, sie zu küssen.“
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Jetzt Casual Dating starten„Wie früh ist zu früh?“
„Das hat sie nicht definiert.“
Wir sehen uns an, und ich spüre, dass ich rot werde, was ich nicht leiden kann, und dass ich trotzdem nicht wegsehe. „Ich habe Hunger“, sage ich. „Das war die richtige Frage.“
Im Biergarten am Chinesischen Turm ist es voll, wie an jedem warmen Abend. Die Blaskapelle spielt oben in der Pagode, Kinder rennen zwischen den Bierbänken herum, und an den Ausschänken stehen die Leute in langen Schlangen. Emre holt eine Radlermaß und zwei Gläser, weil ich gesagt habe, dass ich keine ganze Maß schaffe, und eine Brezn, die so groß ist wie mein Unterarm. Ich hole Obatzda und Radieserl. Wir teilen alles, ohne darüber zu reden.
Irgendwann vibriert mein Handy. Clara: „Und??? Ananas oder nicht Ananas?“
Ich tippe: „Keine Ananas.“ Dann, nach kurzem Nachdenken: „Absolut keine Ananas.“
„Deine Mitbewohnerin?“, fragt Emre.
„Sie hat ein Codewort eingeführt. Für den Notfall.“
„Und?“
„Es ist kein Notfall.“ Ich stecke das Telefon in die Jackentasche, stumm geschaltet. Punkt fünf, glaube ich. Oder sechs.
Es wird dunkel. An den Bäumen gehen die Lichterketten an, die Blaskapelle spielt etwas, das beinahe wie ein Walzer klingt, und zwei ältere Leute tanzen tatsächlich zwischen den Bänken. Emre erzählt, dass er als Kind in Neuperlach immer davon geträumt hat, einmal am Meer zu wohnen, und dass er dann festgestellt hat, dass man nicht ans Meer ziehen muss, wenn die Welle direkt vor der Haustür liegt. Ich finde, dass das ein ziemlich guter Satz ist. Ich finde, dass er ziemlich gute Hände hat. Ich finde eine ganze Menge an diesem Abend.
Als wir die Räder aus dem Ständer holen, ist es kurz nach zehn. Wir schieben sie zum Ausgang am Tivoli, und dort, unter einer Laterne, an der hundert Fahrräder angeschlossen sind, bleibe ich stehen. Ich habe keine Lust mehr, auf irgendeine Definition von „zu früh“ zu warten.
Ich küsse ihn. Er lässt vor Überraschung fast sein Rad fallen, fängt es mit einer Hand auf und legt die andere an meine Taille, und dann küsst er mich zurück, langsam und so gründlich, als hätte er die ganze Zeit an nichts anderes gedacht. Es fühlt sich überhaupt nicht an wie ein erstes Mal. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas zu lange aufgeschoben.
„Das war vermutlich zu früh“, sagt er, ein bisschen außer Atem.
„Deine Schwester muss es ja nicht erfahren.“
„Nächsten Samstag“, sagt er. „Eisbach. Du ziehst einen Neoprenanzug an, und beim dritten Mal stehst du.“
„Ich ziehe keinen Neoprenanzug an.“
„Dann Samstag am Flaucher. Ohne Neopren.“
„Samstag am Flaucher“, sage ich, und wir tippen es beide ins Handy, als könnte es sonst verloren gehen.
Zu Hause in der Amalienstraße brennt noch Licht in der Küche. Clara sitzt am Tisch, vor sich eine Tasse Tee und die Checkliste, die sie vom Kühlschrank genommen hat. „Und?“, fragt sie.
Ich nehme ihr den grünen Textmarker aus der Hand und schreibe unter Punkt elf einen zwölften: Wenn du ihn küssen willst, küss ihn. Dann gehe ich in mein Zimmer und lege mich aufs Bett, mit den Schuhen an, und grinse an die Decke, bis ich einschlafe.







