Drei Regeln auf einem Kassenbon
Lea, 27 · Berlin
Die Regeln stehen auf der Rückseite eines Kassenbons. Ich habe ihn aufbewahrt, er klemmt zwischen zwei Seiten meines Skizzenbuchs: ein zerknitterter Zettel von einem Späti in der Revaler Straße, zwei Mate, eine Tüte Salzbrezeln, 6,40 Euro. Auf der Rückseite, in Timos krakeliger Schrift, die aussieht, als hätte er noch Kreide an den Fingern gehabt – was vermutlich stimmt –, stehen drei Sätze. Ich muss jedes Mal grinsen, wenn ich sie lese.
Timo kenne ich seit anderthalb Jahren. Wir haben uns in einer Boulderhalle am Ostkreuz kennengelernt, an einem Dienstagabend, an dem ich zum vierten Mal an demselben gelben Überhang abgerutscht war. Er stand unten, eine Hand am Kinn, und sagte: „Du ziehst zu früh mit dem rechten Arm. Lass die Hüfte die Arbeit machen.“ Ich hätte ihn gern angepampt, aber er hatte recht. Seitdem waren wir Partner. Dienstag und Donnerstag, manchmal sonntags, danach Falafel in der Sonntagstraße und Gespräche über alles Mögliche, nur nie über uns.
Er ist Zimmermann, arbeitet auf Dachstühlen in Pankow und Weißensee und hat Unterarme, über die ich mir irgendwann verboten hatte nachzudenken. Ich entwerfe Apps für eine Agentur an der Warschauer Brücke, sitze acht Stunden vor zwei Bildschirmen und schiebe Buttons hin und her, bis sie sich richtig anfühlen. Vielleicht war das Klettern deshalb so wichtig für mich: endlich etwas, das sich nicht mit einem Klick rückgängig machen ließ.
Der Abend, an dem sich alles verschob, war ein Freitag Ende Juni. Eine Freundin von Timo feierte ihren Dreißigsten in einem Altbau an der Revaler Straße, schräg gegenüber vom RAW-Gelände, und irgendwer hatte den Schlüssel zur Dachluke. Wir stiegen eine wacklige Eisenleiter hoch, natürlich als Erste, und saßen dann auf der Teerpappe, die noch warm von der Sonne war. Unter uns rumpelten die S-Bahnen, drüben auf dem Gelände wummerte Bass aus einem Club, und der Himmel über dem Fernsehturm war violett wie ein schlecht kalibrierter Monitor.
„Darf ich dir was sagen, ohne dass es komisch wird?“, fragte Timo.
„Nein“, sagte ich. „Aber sag es trotzdem.“
Er drehte die Flasche zwischen den Handflächen. „Ich denke manchmal an dich. Nicht beim Bouldern. Also, auch beim Bouldern. Aber vor allem danach.“
Ich hätte lachen können, ausweichen, irgendeinen Witz über seine Kreidefinger machen. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Ich auch. Seit ungefähr einem Jahr.“ Es war so leicht, dass ich selbst erschrak. Ich war seit dem Frühjahr Single, nach einer Beziehung, die sich angefühlt hatte wie ein Abo, das man nicht kündigt, weil man das Passwort vergessen hat. Ich wollte keine neue Beziehung. Ich wollte ihn. Das ist ein Unterschied, und ich fand, er sollte ihn kennen.
„Ich will aber nichts Festes“, sagte ich. „Keine Pärchenfotos, keine Sonntage bei deinen Eltern in Cottbus.“
„Meine Eltern wohnen in Eberswalde.“
„Umso schlimmer.“
Er lachte, zog den Kassenbon aus der Hosentasche und einen Kuli, den er sich irgendwo geliehen hatte. „Dann machen wir Regeln. Wie beim Bouldern. Man darf nur die Griffe einer Farbe benutzen.“
Wir diktierten sie uns gegenseitig. Erstens: keine Übernachtung unter der Woche. Das war meine. Ich brauche meine Morgen, meinen Kaffee, meine Ruhe vor dem ersten Call. Zweitens: keine Eifersucht. Das war seine, und ich rechnete sie ihm hoch an. Drittens: Wer merkt, dass es vorbei ist, sagt es. Sofort und ehrlich. Die formulierten wir zusammen, und bei diesem Satz sahen wir uns zum ersten Mal an diesem Abend lange an.
Dann küsste ich ihn. Ich wartete nicht darauf, dass er es tat. Ich hatte ein Jahr lang gewartet, das reichte. Er schmeckte nach Mate und Salz, und seine Hand in meinem Nacken war rau und vorsichtig zugleich, als hätte er Angst, einen Griff abzubrechen. Unten grölte jemand „Happy Birthday“, falsch und viel zu laut. Wir blieben nicht mehr lange auf der Party.
Meine Wohnung in der Kopernikusstraße liegt zehn Minuten zu Fuß entfernt. Wir schafften es in sieben. Im Treppenhaus funktionierte das Licht nicht, wie immer, und ich fand das zum ersten Mal praktisch. Über die Nacht nur so viel: Timo ist im Dunkeln genauso geduldig wie an der Wand, und ich bin genauso ungeduldig. Es war Freitag. Die erste Regel galt nicht.
Es funktionierte erstaunlich gut. Dienstags und donnerstags gingen wir weiter bouldern, als wäre nichts gewesen, nur dass er mir jetzt manchmal im Vorbeigehen über den Rücken strich und ich ihm auf der Heimfahrt in der Tram eine Nachricht schrieb, obwohl er neben mir saß. Nach der Halle kam er mit zu mir, oder ich fuhr zu ihm nach Lichtenberg, und gegen Mitternacht zog er sich an, gab mir einen Kuss auf die Stirn und radelte nach Hause. Ich schlief danach quer im Bett, tief und traumlos, und wachte morgens auf, als hätte ich Urlaub.
Meine Freundin Merve, der ich alles erzählte, schüttelte darüber den Kopf. „Das hält keiner durch“, sagte sie. „Irgendwann will einer mehr.“
„Oder keiner“, sagte ich. „Vielleicht ist das hier einfach genau so viel, wie wir wollen.“
Ich meinte das ernst. Ich mochte es, mit ihm zu schlafen und danach allein zu sein. Ich mochte, dass ich nichts erklären musste, keine Pläne machen, nicht fragen, wo er am Wochenende war. Als er Mitte August erzählte, er sei mit einer Kollegin auf ein Bier gewesen, spürte ich kurz etwas in der Magengegend, ein kleines, dummes Ziehen. Regel zwei, dachte ich, und fragte ihn, ob sie nett gewesen sei. Sie war nett gewesen. Es war nichts passiert. Und ich merkte, dass es mir tatsächlich fast egal war. Fast.
Lust, so etwas selbst zu erleben?
Die Geschichten fangen alle mit einer Nachricht an. Anonym registrieren, Stadt auswählen, und dann ist deine erste Nachricht dran.
Jetzt Casual Dating startenGebrochen wurde die erste Regel an einem Freitag, und genau genommen war es gar kein Bruch, denn der Freitag gehört nicht zur Woche. So jedenfalls argumentierte Timo später. Wir hatten einen langen Abend gehabt, erst die Halle, dann Pho in der Simon-Dach-Straße, dann mein Bett, und irgendwann nach eins sagte er in die Dunkelheit: „Ich bin zu müde zum Radfahren.“
„Du bist nicht zu müde. Du bist zu faul.“
„Das auch.“
Ich hätte ihn rausschmeißen können. Stattdessen drehte ich mich um und schlief ein, mit seinem Arm, der schwer auf meiner Hüfte lag.
Am Morgen roch die Wohnung nach Kaffee. Ich wusste nicht einmal, dass er wusste, wo ich die Bohnen aufbewahre. Barfuß, nur in Unterhose und in meinen Hoodie gezwängt, der ihm zwei Nummern zu eng war, rang er am Herd mit der Espressokanne. „Die ist kaputt“, sagte er.
„Die ist nicht kaputt. Du hast den Dichtungsring falsch eingesetzt.“
Wir tranken den Kaffee auf meinem winzigen Balkon, von dem man in einen Hinterhof mit Kastanie sieht, und dann sagte er: „Heute ist Markt auf dem Boxi. Ich hab Hunger.“
So kam es, dass wir am Samstagvormittag nebeneinander über den Boxhagener Platz schlenderten wie jedes zweite Paar in Friedrichshain. Es war voll, es roch nach frischem Brot und Räucherfisch, an einem Stand gab es Pflaumen aus Brandenburg, an einem anderen Bergkäse aus dem Allgäu, den Timo so lange probierte, bis der Verkäufer ihm seufzend ein ganzes Stück einpackte. Wir kauften Schrippen, Tomaten und einen Ziegenkäse, der nach Heu roch, und setzten uns auf eine Bank am Rand des Spielplatzes.
Irgendwann merkte ich, dass ich lachte. Nicht über etwas Bestimmtes. Einfach so, mit vollem Mund und Krümeln auf dem Shirt. Und ich merkte, dass er mich dabei ansah, auf eine Art, die auf keinem Kassenbon stand.
„Regel eins“, sagte ich.
„Es ist Samstag.“
„Du hast von Freitag auf Samstag übernachtet. Das ist eine Grauzone.“
„Dann müssen wir die Regel präzisieren.“ Er wischte sich die Finger an der Jeans ab. „Oder wir streichen sie.“
Ich sah ihn an. Ein Teil von mir wollte sofort Nein sagen, die Kontrolle zurückholen, den Zettel aus dem Skizzenbuch holen und ihm unter die Nase halten. Ein anderer Teil wollte wissen, wie Samstage mit ihm aussehen. Ohne Etikett, ohne Plan. Nur mit Schrippen und diesem Käse und seiner Hand, die jetzt ganz selbstverständlich auf meinem Knie lag.
„Wir streichen gar nichts“, sagte ich. „Aber wir können eine vierte Regel aufschreiben.“
„Und die wäre?“
„Frühstück zählt nicht.“
Er grinste, zog einen Kuli aus der Jackentasche – ich frage mich bis heute, warum er ständig Kulis dabeihat – und hielt mir die offene Hand hin. Ich hatte keinen Kassenbon. Also schrieb ich es ihm auf die Innenseite des Handgelenks, in Druckbuchstaben, die sofort verschmierten.
Am Dienstag danach standen wir wieder in der Halle am Ostkreuz, vor dem gelben Überhang, an dem alles angefangen hatte. Ich schaffte ihn im ersten Versuch. Timo klatschte unten, als hätte ich einen Wettkampf gewonnen. Was aus uns wird, weiß ich nicht. Vielleicht sagt einer von uns irgendwann ehrlich, dass es vorbei ist. Vielleicht auch nicht. Der Kassenbon steckt jedenfalls noch in meinem Skizzenbuch, und darunter habe ich mit Bleistift eine Zeile ergänzt. Sie ist ziemlich unleserlich. Aber ich weiß, was dasteht.







