Wie zwanzig, nur klüger
Stefanie, 44 · Augsburg
Meine Tochter hat mir das Profil eingerichtet. Das muss ich vorausschicken, damit niemand denkt, ich hätte das allein hinbekommen. Lena ist sechzehn, sie saß an einem Sonntagabend im März neben mir auf dem Sofa, nahm mir das Handy aus der Hand und sagte: „Mama, du bist seit einem Jahr geschieden, du gehst nur noch zum Yoga und zu Elternabenden. Das ist traurig. Gib her.“
Sie wählte die Fotos aus. Sie strich meinen Satz „Suche ehrlichen Mann für ernsthafte Beziehung“, weil der, wie sie sagte, klinge wie eine Kontaktanzeige aus dem Gemeindeblatt. Sie schrieb stattdessen: „44, zwei fast erwachsene Kinder, viel Humor, wenig Zeit. Keine Lust auf Drama, große Lust auf gute Abende.“ Als ich protestierte, sagte sie: „Du willst doch gar keinen neuen Mann im Haus. Du willst mal wieder ausgehen. Sei ehrlich.“
Sie hatte recht. Das ist das Schlimmste an Teenagern: Manchmal haben sie recht.
So kam ich auf ein Casual-Dating-Portal, auf dem ich mich anfangs fühlte wie eine Touristin ohne Stadtplan. Ich wusste nicht, was man schreibt, wann man antwortet, ob man Emojis benutzen darf. Nach zwei Wochen und einigen sehr merkwürdigen Nachrichten schrieb mir Marco. Einundvierzig, Tontechniker am Staatstheater, geschieden wie ich, ein Sohn in Berlin. Er schrieb: „Ich habe keine Ahnung, wie das hier funktioniert. Du?“ Und ich antwortete: „Nicht die geringste.“ Das war der Anfang.
Wir trafen uns an einem Freitag am Herkulesbrunnen auf der Maximilianstraße. Die Kinder waren übers Wochenende bei ihrem Vater in Göggingen, das Haus in Pfersee war leer, und ich hatte zwei Stunden vor dem Spiegel verbracht, von denen ich eine Stunde damit zubrachte, Oberteile an- und wieder auszuziehen. Am Ende trug ich ein blaues Kleid, das Lena ausgesucht hatte, und flache Schuhe, weil ich mich an das Augsburger Kopfsteinpflaster erinnerte.
Marco war schon da. Er saß auf dem Brunnenrand, groß, mit kurzem graumeliertem Bart und einer Lederjacke, die er offensichtlich schon sehr lange besaß. Als er mich sah, stand er auf, und ich sah, dass er genauso nervös war wie ich. Er hatte einen kleinen Strauß Pfingstrosen in der Hand, die er mir hinhielt, dann wieder zurückzog, dann wieder hinhielt.
„Ich wusste nicht, ob man das noch macht“, sagte er.
„Ich auch nicht“, sagte ich. „Aber ich nehme sie.“
Wir gingen die Maximilianstraße hinauf, vorbei an den Stadtpalästen der Fugger, am Merkurbrunnen, bis zum Rathausplatz, wo die Leute in der Abendsonne vor den Cafés saßen und der Perlachturm seinen langen Schatten über das Pflaster warf. Ich merkte, dass ich redete, zu viel und zu schnell, über die Kinder, über meinen Job in der Stadtbücherei, über den Garten, in dem nichts wächst außer Giersch. Irgendwann blieb ich stehen und sagte: „Entschuldigung. Ich habe seit zwanzig Jahren kein erstes Date gehabt. Ich weiß nicht mehr, wie man das macht.“
„Man redet zu viel und zu schnell“, sagte Marco. „So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Du machst das ganz hervorragend.“
Er wollte mir etwas zeigen, sagte er, und wir liefen hinunter in die Jakobervorstadt, zur Fuggerei. Ich bin in Augsburg geboren und war seit einem Schulausflug in der vierten Klasse nicht mehr drin. Die älteste Sozialsiedlung der Welt, gebaut vor fünfhundert Jahren, und bis heute zahlen die Bewohner eine Jahresmiete von weniger als einem Euro und sprechen täglich drei Gebete für die Stifterfamilie.
Hinter der Mauer war es plötzlich still. Die kleinen gelben Häuser mit den grünen Fensterläden, die ordentlichen Gassen, der Brunnen, an dem niemand saß. Die Touristen waren schon gegangen, nur ein alter Mann goss vor seiner Tür Geranien.
„Ich komme manchmal hierher“, sagte Marco, „wenn im Theater zu viel los war. Hier drinnen ist es, als hätte jemand die Welt leiser gedreht.“
Wir setzten uns auf eine Bank. Er erzählte von seiner Scheidung, ohne Bitterkeit, nur ein bisschen müde. Dass er danach zwei Jahre lang gedacht habe, er müsse sofort wieder eine Beziehung haben, weil man das eben so macht. Dass er es zweimal versucht habe, und dass es beide Male nicht gepasst habe, weil er eigentlich nicht wollte.
Lust, so etwas selbst zu erleben?
Die Geschichten fangen alle mit einer Nachricht an. Anonym registrieren, Stadt auswählen, und dann ist deine erste Nachricht dran.
Jetzt Casual Dating starten„Und jetzt?“, fragte ich.
„Jetzt will ich einfach Zeit mit Menschen verbringen, die ich mag“, sagte er. „Ohne Plan für die nächsten dreißig Jahre.“
Ich dachte an Lenas Satz. Du willst doch gar keinen neuen Mann im Haus. „Das klingt gut“, sagte ich. „Das klingt sogar ziemlich genau nach mir.“
Um halb zehn kam der Nachtwächter vorbei und erinnerte uns freundlich daran, dass die Tore bald schließen. Wir gingen hinaus, und draußen war der Lärm der Stadt wieder da, Autos, Musik aus einer Bar, jemand, der auf Schwäbisch in sein Handy schimpfte.
Wir aßen noch etwas in einem Biergarten am Rand der Altstadt, Obatzda und Brezen, dazu ein Radler für mich und ein Helles für ihn. Die Kastanien über uns trugen schon Blätter, und die Lichterketten gingen an. Marco erzählte Geschichten aus dem Theater, von Schauspielern, die ihren Text vergessen, von einer Premiere, bei der mitten in der Sterbeszene ein Handy klingelte. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen, und merkte, dass ich seit Monaten nicht mehr so gelacht hatte.
Es war nach elf, als wir an der Haltestelle am Königsplatz standen. Meine Linie kam in vier Minuten. Ich sah auf die Anzeigetafel, dann auf ihn, dann wieder auf die Anzeigetafel.
Und dann tat ich etwas, das ich nie von mir erwartet hätte. Ich sagte: „Die Kinder sind bis Sonntag weg. Ich habe noch eine Flasche Crémant im Kühlschrank, die mir meine Schwester zur Scheidung geschenkt hat. Ich wollte sie nie allein aufmachen.“
Er sah mich an, lange und ruhig. „Bist du sicher?“, fragte er. „Wir können auch einfach nächste Woche noch mal …“
„Nein“, sagte ich, und dann lachte ich, weil ich hörte, wie entschlossen das klang. „Ich meine: Ja, ich bin sicher. Ich bin vierundvierzig. Ich habe zwanzig Jahre lang überlegt, ob ich etwas darf. Heute will ich einfach.“
Die Straßenbahn kam. Wir stiegen ein und setzten uns nebeneinander, und seine Hand lag auf meinem Knie, ganz leicht, als wolle er sich vergewissern, dass ich noch da bin. In der Bahn saß eine Gruppe junger Leute, vielleicht Anfang zwanzig, die auf dem Weg zu einer Party waren und laut lachten. Eine von ihnen sah zu uns herüber und lächelte, und ich lächelte zurück, und ich fühlte mich, zum ersten Mal seit langem, nicht zu alt für irgendwas.
Zu Hause stellte ich die Pfingstrosen in eine Vase und holte den Crémant aus dem Kühlschrank. Marco öffnete die Flasche, der Korken knallte gegen die Küchendecke und hinterließ einen kleinen Fleck, den ich bis heute nicht überstrichen habe. Wir stießen an, in meiner Küche, in der zwanzig Jahre lang nur Schulbrote geschmiert worden waren. Mein Wein war noch halb voll, als er ihn mir sanft abnahm und neben die Spüle stellte – und ich war es, die das Licht in der Küche löschte.
Am nächsten Morgen wachte ich vor ihm auf. Die Sonne schien durch das Fenster, draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, irgendwo im Garten zankten sich zwei Amseln. Ich lag da und fühlte mich wie zwanzig, nur klüger. Ich wusste genau, was ich wollte und was nicht, und niemand musste es mir erklären.
Lena schrieb mir um zehn: „Und???“
Ich schrieb zurück: „Du hattest recht. Erzähl ich dir nie im Leben.“
Marco und ich sehen uns seitdem an den Wochenenden, an denen die Kinder bei ihrem Vater sind. Manchmal gehen wir in die Fuggerei, manchmal ins Theater, manchmal bleiben wir einfach in meiner Küche. Wir nennen es nicht Beziehung. Wir nennen es gar nicht. Der kleine Fleck an der Decke bleibt, wo er ist.







