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Regeln auf einer Serviette

Johanna, 23 · Leipzig

Die Serviette hängt bis heute mit einem Magneten an Mos Kühlschrank, zwischen einem Flyer für eine Party im Juni und einer Postkarte aus Riga. Wir haben sie im Mai geschrieben, um drei Uhr morgens, auf Pauls Geburtstag, mit einem Kajalstift, weil niemand einen Kuli hatte. Drei Regeln. Erstens: Keine Eifersucht. Zweitens: Wer sich verliebt, sagt es sofort. Drittens: Paul erfährt nichts. Die dritte Regel hat genau neun Tage gehalten. Paul wohnt mit Mo zusammen, er hat Ohren, und die Wände in einer Plagwitzer Altbau-WG sind nicht für Geheimnisse gebaut.

Ich war dreiundzwanzig und im vierten Semester an der HGB, Buchkunst, was bedeutet, dass ich meine Tage damit verbrachte, Papier zu falzen, Bleisatz zu sortieren und mich über Schriftgrößen zu streiten. Mo war siebenundzwanzig, legte an den Wochenenden in Kellern und alten Fabrikhallen auf und arbeitete unter der Woche in einem Plattenladen in der Südvorstadt. Wir kannten uns seit zwei Jahren, über Paul, und hatten uns immer gemocht, auf diese leichte, ungefährliche Art. Bis zu dieser Nacht im Mai, in der wir als Letzte auf Pauls Balkon standen und ich ihn einfach geküsst habe, weil ich Lust dazu hatte und weil mir kein vernünftiger Grund einfiel, es nicht zu tun.

Seitdem waren vier Monate vergangen. Vier Monate, in denen wir Freunde waren und noch etwas mehr, ohne dass einer von uns versucht hätte, daraus etwas anderes zu machen. Es war das Unkomplizierteste, was ich je mit einem Mann hatte.

An jenem Samstag im September trafen wir uns auf der Spinnerei, weil eine Freundin von mir dort ihre erste Ausstellung hatte, in einer der kleineren Hallen hinten links. Das Gelände war voll: Leute mit Jutebeuteln, Sammler mit teuren Brillen, Kinder, die zwischen den Backsteinbauten Fangen spielten. Mo stand vor einem riesigen Bild aus lauter blauen Strichen, die Hände in den Taschen, und sagte: „Ich verstehe es nicht, aber ich würde es mir ins Klo hängen.“ Von Mo ist das ein großes Kompliment.

Danach liehen wir uns ein Kajak, einen Zweier, und paddelten den Karl-Heine-Kanal hinauf. Ich saß vorne, er hinten, was bedeutete, dass er lenkte und ich den Takt vorgab, und dass wir nach zehn Minuten zweimal fast gegen die Uferbefestigung gefahren waren. Die Sonne lag flach über dem Wasser. Wir glitten unter den Brücken durch, am Stelzenhaus vorbei, wo auf der Terrasse Leute Aperol tranken und uns zuprosteten, an Graffiti und Industrieruinen und neuen Lofts mit bodentiefen Fenstern. Einmal paddelte ein Schwan so knapp an uns vorbei, dass ich kurz schrie und Mo so lachte, dass wir beinahe gekentert wären.

Ich drehte mich um, das Paddel quer über den Knien. Er hatte ein Stirnband auf, das ich ihm vor Monaten auf einem Flohmarkt gekauft hatte, und seine Unterarme glänzten. Ich mochte es, wie er aussah, wenn er sich anstrengte. Ich mochte es auch, wie er aussah, wenn er schlief. Ich hatte kein Problem damit, das zu denken.

„Wir sollten zurück“, sagte ich.

„Zum Verleih?“

„Zu dir.“

Er grinste. Mo hat ein Grinsen, das ganz langsam beginnt, im linken Mundwinkel, und sich dann ausbreitet. „Paul ist bei seiner Mutter in Halle.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Deshalb.“

Wir gaben das Kajak ab, liefen die Karl-Heine-Straße hinunter und die Treppe in den dritten Stock hinauf, ich vorneweg, mit nassen Schuhen. In seinem Zimmer stehen Plattenkisten bis unter die Decke und eine Matratze auf einem Palettenbett, und es riecht immer ein bisschen nach Vinyl und Orangenschalen. Er zog mich an den Gürtelschlaufen zu sich heran, ich zog ihm das Stirnband vom Kopf, und dann legte er, ohne hinzusehen, eine Platte auf, irgendwas mit tiefem Bass und viel Luft. Er macht das immer. Ich habe ihn nie gefragt, ob er die Platten vorher aussucht. Ich will es nicht wissen.

Die Platte lief zweimal durch, bevor einer von uns aufstand, um sie umzudrehen.

Am Abend saßen wir auf der Sachsenbrücke im Clara-Zetkin-Park, zwischen hundert anderen Menschen, die dasselbe taten: Beine über der Kante, Späti-Bier in der Hand, die Sonne hinter den Bäumen. Ein Typ mit einer Ukulele spielte drei Meter weiter so ernsthaft, als wäre er im Gewandhaus. Unter uns glitt ein Tretboot durch, und auf dem Geländer klebten so viele Sticker, dass man das Metall kaum noch sah.

„Ich muss dir was sagen“, sagte Mo. „Wegen Regel Nummer zwei.“

Ich spürte, wie meine Hand die Flasche fester hielt. Nicht aus Angst, eher aus Neugier. „Du hast dich verliebt?“

„Vielleicht. Ich weiß es noch nicht. Sie heißt Lea, sie tanzt am Schauspiel, wir waren zweimal Kaffee trinken und einmal im Kino. Ich will sie wiedersehen. Und ich will das nicht machen, während wir … na ja.“ Er zeichnete mit der Flasche einen kleinen Kreis in die Luft, der alles zwischen uns meinte.

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Ich wartete. Ich wartete wirklich, mit einer gewissen Spannung, auf das Ziehen im Magen, auf das Kratzen im Hals, auf irgendeinen kleinen, gemeinen Gedanken über eine Tänzerin namens Lea. Ich hatte das schon erlebt, mit neunzehn, mit einundzwanzig, dieses Gefühl, als würde einem jemand etwas aus der Tasche ziehen. Es kam nicht. Da war nur eine überraschende Ruhe und, ganz darunter, etwas, das sich fast wie Freude anfühlte. Für ihn.

„Johanna?“

„Ich bin nicht eifersüchtig“, sagte ich, und dann, weil es mich selbst so erstaunte, noch einmal: „Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig. Das ist verrückt.“

„Danke?“, sagte Mo unsicher.

„Nein, im Ernst. Ich hab die ganze Zeit gedacht, irgendwann kommt der Moment, wo es wehtut. Und jetzt ist er da, und es tut nicht weh.“ Ich lachte. „Ich glaube, wir haben das richtig gemacht.“

Er sah mich lange an. Dann stieß er seine Flasche gegen meine. „Auf die Serviette.“

„Auf die Serviette.“

Wir blieben sitzen, bis es dunkel wurde und der Ukulele-Typ aufgab. Mo erzählte von Lea, erst vorsichtig, dann ausführlich, und ich stellte Fragen, echte Fragen, und merkte, dass ich die Antworten hören wollte. Irgendwann sagte er: „Der Park da drüben heißt übrigens Johannapark. Wusstest du das?“

„Seit ich hier wohne, sagst du mir das jede Woche.“

„Weil es stimmt. Er ist nach dir benannt.“

„Er ist nach der Tochter eines Bankiers benannt.“

„Siehst du“, sagte er. „Ihr habt euch beide nie was sagen lassen.“

Ich fuhr mit dem Rad nach Hause, quer durch den Park, an den dunklen Wiesen vorbei, auf denen noch Grüppchen um Teelichter saßen. Die Luft war kühl und roch nach gemähtem Gras. Ich fuhr freihändig, was ich sonst nie tue, und dachte darüber nach, wie seltsam es ist, dass man jahrelang lernt, dass Nähe und Besitz zusammengehören, und dann merkt, dass sie das gar nicht müssen.

Ich hatte Lust auf Mo gehabt, vier Monate lang, und hatte sie mir genommen, ohne mich dafür zu schämen. Er hatte mir nichts versprochen, ich ihm auch nicht. Und jetzt, wo es vorbei war, fehlte mir nichts. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, etwas mitzunehmen. Eine Art Beweis, dass ich wissen kann, was ich will, und dass ich es haben kann, ohne mich dabei zu verlieren.

Zu Hause in Connewitz lag ich noch lange wach, nicht aus Kummer, sondern weil sich mein Kopf so aufgeräumt anfühlte wie lange nicht. Ich schrieb meiner Mitbewohnerin, die auf einem Festival in Brandenburg war: „Mo hat sich verliebt. Ich freu mich für ihn. Ist das normal?“ Um halb drei kam ihre Antwort, ein einziges Wort: „Erwachsen.“ Ich habe mich selten so geschmeichelt gefühlt.

Zwei Wochen später war ich bei Paul und Mo zum Essen eingeladen. Lea war auch da. Sie war klein, laut und lustig, sie hatte einen Pony, den sie selbst geschnitten hatte, und sie mochte die gleiche Sorte Chips wie ich. Wir verstanden uns sofort, was Paul sichtlich enttäuschte, weil er auf ein Drama gehofft hatte.

Die Serviette hängt immer noch am Kühlschrank. Irgendwer hat mit Kugelschreiber eine vierte Regel darunter geschrieben, in Pauls krakeliger Schrift: „Viertens: Paul kriegt beim nächsten Mal Bescheid.“

Ich habe noch nicht entschieden, ob ich mich daran halte.

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