Nach der Spätschicht
Laura, 30 · Nürnberg
Nach einer Spätschicht bin ich nie müde. Das versteht niemand, der nicht selbst in der Pflege arbeitet. Man denkt, nach acht Stunden auf Station, nach Infusionen, Klingeln, einem Patienten, der um halb neun beschließt, dass er jetzt sofort nach Hause will, sei man erledigt. Ist man auch, irgendwo. Aber der Körper hat davon nichts mitbekommen. Der Körper läuft noch auf Hochtouren, wenn ich um zehn nach zehn den Kittel in den Spind hänge, und er läuft noch auf Hochtouren, wenn ich um halb elf in meiner Wohnung in St. Johannis stehe und die Stille höre.
An diesem Abend im Juli war die Stille besonders laut. Meine Mitbewohnerin war für drei Wochen in Portugal, der Kühlschrank enthielt ein halbes Glas Oliven und eine Flasche Weißwein, die ich nicht allein trinken wollte, und im Fernsehen lief nichts, was mich interessierte. Ich setzte mich aufs Fensterbrett, sah hinunter auf die Johannisstraße, auf der noch ein paar Radfahrer unterwegs waren, und öffnete eine Dating-App, die ich eigentlich schon dreimal hatte löschen wollen.
Ich schrieb nichts Kluges in meinen Status. Ich schrieb: „Spätschicht vorbei, hellwach, Nürnberg. Wer ist noch wach?“ Dann legte ich das Handy weg, holte mir ein Glas Wasser und kam mir ein bisschen albern vor.
Als ich zurückkam, hatte ich vier Nachrichten. Zwei davon waren das Übliche, eine bestand nur aus einem Emoji, bei dem ich nicht wissen wollte, was es bedeuten sollte. Die vierte war von einem Matteo, dreiunddreißig, Profilbild mit Kochjacke und einem Grinsen, das ein bisschen schief war.
„Ich auch“, schrieb er. „Küche zu seit zwanzig Minuten, ich rieche nach Frittierfett und Rosmarin und kann auch nicht schlafen. Wir Nachtschichtmenschen müssen zusammenhalten.“
Ich schrieb zurück, dass Spätschicht keine Nachtschicht sei und dass er sich den Unterschied bitte merken solle, wenn er bei mir punkten wolle. Er antwortete: „Notiert. Punkten will ich.“ Und dann, ohne lange Umwege: „Weinstadel in einer halben Stunde? Ich bring nichts zu essen mit, versprochen, ich habe heute genug Essen gesehen.“
Ich brauchte zwölf Minuten fürs Umziehen, was für mich ein Rekord ist. Jeans, ein schwarzes Top, die Lederjacke, weil es an der Pegnitz nachts selbst im Juli kühl werden kann. Die Haare waren noch vom Dutt geknickt, ich ließ sie einfach so. Dann lief ich die Johannisstraße hinunter Richtung Altstadt, durch das Tor bei der Burg und die steilen Gassen hinab, und je näher ich dem Fluss kam, desto lauter hörte ich meinen eigenen Herzschlag.
Der Weinstadel ist das Postkartenmotiv von Nürnberg: das lange Fachwerkhaus direkt am Wasser, davor der überdachte Henkersteg, der sich über den Fluss zieht wie ein hölzerner Tunnel. Tagsüber stehen dort Touristen mit Selfiesticks. Um elf Uhr nachts war fast niemand da, nur ein Paar, das sich über das Geländer beugte, und ein Mann mit Rucksack, der auf der Mauer saß und in Richtung Maxbrücke schaute.
Er stand auf, als er mich sah. Er war größer als auf dem Foto, dunkle Haare, die er im Nacken zusammengebunden hatte, ein Leinenhemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Auf dem Unterarm eine kleine tätowierte Knoblauchknolle.
„Laura?“, fragte er.
„Die Spätschicht“, sagte ich. „Nicht zu verwechseln mit der Nachtschicht.“
Er lachte, und das schiefe Grinsen war echt. Er roch tatsächlich nach Rosmarin, und ganz leise nach der Fritteuse, und ich fand das aus irgendeinem Grund nicht abstoßend, sondern tröstlich. Es roch nach jemandem, der gearbeitet hatte wie ich.
Wir liefen einfach los. Über den Henkersteg auf die kleine Insel, die Trödelmarkt heißt und auf der tagsüber Blumen und Kurzwaren verkauft werden, dann am Wasser entlang, wo die Trauerweiden ihre Äste in die Pegnitz hängen lassen. Er erzählte, dass er in einem italienischen Restaurant in Gostenhof arbeitet, dass seine Nonna aus Kalabrien stammt und dass sie bis heute nicht verstanden hat, warum er ausgerechnet in Franken gelandet ist.
„Wegen der Liebe?“, fragte ich.
„Wegen einer Stelle“, sagte er. „Die Liebe war schon weg, als ich angekommen bin. Das war vor sechs Jahren. Seitdem bin ich nicht mehr so fürs Große. Eher fürs Kleine, Schöne, Ehrliche.“
Ich blieb stehen. „Das ist eigentlich genau das, was ich suche“, sagte ich. „Ich hab keine Nerven für eine Beziehung. Ich hab Dienstpläne, die sich alle zwei Wochen ändern, und ich will nicht, dass jemand beleidigt ist, weil ich an Ostern arbeite. Aber ich will auch nicht jeden Abend allein auf dem Fensterbrett sitzen.“
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Jetzt Casual Dating starten„Dann sind wir uns einig“, sagte er, und es klang nicht enttäuscht, sondern erleichtert.
Um Mitternacht hatten wir beide Hunger, obwohl er geschworen hatte, heute kein Essen mehr sehen zu wollen. Wir stritten darüber, was das beste Essen der Stadt sei. Ich sagte, ein ordentliches Schäufele mit Kloß, die Kruste so knusprig, dass sie beim Anschneiden kracht. Er sagte, das sei ein Gericht für Leute, die sich nicht entscheiden können, ob sie Schwein oder Kartoffel wollen, und dass nichts über eine Pizza mit wenig Belag gehe.
„Dann gibt es jetzt einen Kompromiss“, sagte ich, und wir landeten an einem Dönerladen in der Nähe des Hauptmarkts, der noch offen hatte und unter dessen Neonlicht wir beide aussahen wie Figuren aus einem traurigen Film. Matteo analysierte das Fladenbrot mit dem Ernst eines Mannes, der Kochen gelernt hat, und erklärte dem Verkäufer, dass die Soße ausgezeichnet sei. Der Verkäufer schenkte ihm daraufhin ein Ayran. Ich lachte so sehr, dass mir Kraut auf die Jacke fiel.
Mit den Dönern in der Hand gingen wir hinauf zur Burg. Der Weg ist steil, das Kopfsteinpflaster uneben, und oben auf dem Platz vor dem Tiergärtnertor saßen noch ein paar Studenten auf den Stufen, rauchten und redeten leise. Wir setzten uns ein Stück abseits an die Mauer. Unter uns lag die Stadt, die roten Dächer schwarz in der Nacht, dazwischen Lichter, die Türme von St. Sebald und St. Lorenz hell angestrahlt.
„Ich komme fast nie hier hoch“, sagte ich. „Man wohnt zehn Minuten entfernt und vergisst, dass es das gibt.“
„Man muss manchmal mit einem Fremden hochgehen“, sagte Matteo. „Dann sieht man es wieder.“
Er hatte einen Klecks Knoblauchsoße im Mundwinkel. Ich wischte ihn mit dem Daumen weg, und dann ließ ich den Daumen einen Moment zu lange auf seiner Lippe liegen. Er rührte sich nicht. Er sah mich nur an, fragend, und ich nickte, bevor er etwas sagen musste.
Der Kuss schmeckte nach Knoblauch und Ayran, und es war einer der besten Küsse meines Lebens. Das sage ich, obwohl ich Knoblauch eigentlich nur in Maßen mag.
Es war halb zwei, als wir wieder vor meiner Haustür in St. Johannis standen. Wir hatten den ganzen Weg über geredet, über seine Nonna, über meinen schlimmsten Nachtdienst, über die Frage, ob Nürnberger Lebkuchen im Juli ein Verbrechen sind. Jetzt standen wir da, und keiner sagte etwas.
„Ich hab eine Flasche Weißwein im Kühlschrank“, sagte ich schließlich. „Die wollte ich nicht allein trinken.“
„Und morgen?“, fragte er. Nicht drängend, eher vorsichtig.
„Morgen hab ich wieder Spätschicht“, sagte ich. „Und du hast Küche. Morgen ist morgen. Heute ist heute, und heute will ich nicht allein auf dem Fensterbrett sitzen.“
Er lächelte sein schiefes Lächeln. Ich schloss die Tür auf, und wir stiegen die knarrenden Holzstufen in den dritten Stock hinauf, leise, um die Nachbarn nicht zu wecken, und lachten trotzdem, weil er über die Katze der Nachbarin stolperte, die im Treppenhaus schlief. Oben öffnete ich den Kühlschrank, nahm die Flasche heraus und stellte sie auf den Tisch. Wir haben sie an diesem Abend nicht mehr geöffnet.
Um sieben Uhr morgens klingelte sein Wecker, weil er Ware annehmen musste. Er zog sich im Halbdunkel an, küsste mich auf die Stirn und flüsterte, dass er die Flasche beim nächsten Mal mitöffnen wolle, falls es ein nächstes Mal gebe.
„Schreib mir nach deiner Schicht“, murmelte ich ins Kissen. „Ich bin dann sowieso wach.“
Seitdem schreiben wir uns manchmal um kurz nach zehn. Nicht jeden Abend, nicht einmal jede Woche. Wenn es passt, treffen wir uns am Weinstadel. Wenn nicht, schickt er mir ein Foto von einem perfekt knusprigen Schäufele, das er irgendwo gegessen hat, nur um mich zu ärgern. Die Flasche Weißwein steht immer noch im Kühlschrank. Wir haben inzwischen beschlossen, dass sie dort bleiben darf, als eine Art Maskottchen. Für uns Nachtschichtmenschen. Pardon: Spätschicht.







